So fing alles an

Des Menschen grösste Befreiung

Luka Takoa

ISBN 978-3-9525023-0-3

Zitieren des Textes mit Quellen-Angabe erlaubt.

Empedokles

★ Zeit, historische, gesellschaftliche und private Situation

Empedokles wurde ca. 494 vuZ – also zeitgleich mit Zenon von Elea - im sizilianischen Agrigento in einer demokratisch gesinnten griechischen Familie geboren, die sich für die Vertreibung des Tyrannen und für eine demokratische Verfassung der Stadt eingesetzt hatte. Als nach dem Tode seines Vaters Meton die aristokratische Gegenpartei wieder die Macht an sich riss, konnte Empedokles diese mit der Macht seiner Rhetorik ohne Blutvergiessen stürzen und der Demokratie zum Durchbruch verhelfen. Er selbst lehnte in seiner stillen Art die Königswürde ab, liess sich später aber mit stets feierlichem Prunk als Wunderarzt und Heilsbringer wie ein Gott verehren: „Tausende eilen mir nach, um den Weg des Heils zu erfahren“ (Diogenes Laërtios). „Stehe ich doch weit über ihnen, den sterblichen, unheilgeweihten Menschen“ (Sextos Empeirikos). Als er die Gunst des Volkes jedoch einbüsste, musste er aus Agrigento ins griechische Kernland auswandern, wo er ca. 430 vuZ starb,

Empedokles war aber nicht nur ein Philosoph mit langer Nachwirkung, sondern auch ein schon damals anerkannter grossartiger Dichter mit bildhafter Sprache, welcher „über das Wesen der Dinge in Versform geschrieben hat“ (Lactantius)

 

★ Allgemein zu seinem Wirken, Beziehung zu anderen Philosophen

 Ähnlich wie Anaximenes führte Empedokles alles auf die 4 Urelemente Erde, Wasser, Feuer und Luft zurück, also „dass vierfach - aller Dinge Wurzel ist“ (Aëtios): „So will ich dir künden die ersten und ihrem Ursprung gleichen Elemente; aus ihnen entsprossen ist, was wir jetzt vor uns sehen, die Erde, das wogenreiche Meer, der feuchte Luftkreis und der Äther, der im Kreise alles zusammenschliesst“ (Clemens Alexandrinos).

Während Anaximenes die Luft als Urgrund der anderen 3 Elemente sah, waren für Empedokles seine 4 Elemente alles „unvergängliche Urstoffe“: „Diese 4 Elemente dauern ewig und sind nie entstanden, sondern vereinigen sich lediglich in grösserer oder geringerer Menge zur Einheit oder spalten sich wieder aus der Einheit auf“ (beides Aristoteles). Alle anderen Dinge seien vergänglich und veränderbar.

Eine Kernidee von Empedokles war, dass alles ausser der 4 Urelemente, also Menschen, Raubtiere, Bäume, Sträucher, Vögel, … durch „Mischung“ der Urstoffe, „Austausch des Gemischten“ (Plutarchos) und „Trennung des Gemischten“ (Aristoteles) zustande kommt. Er möchte es – in Anlehnung an Parmenides - nicht „Entstehung“ (oder auch nicht “Tod“) nennen, da es ja nur eine neue Mischung bereits (ewig) vorhandener Elemente sei. Während Parmenides noch von der Unmöglichkeit der Entstehung des ganzen Seins aus dem Nichts sprach, überträgt Empedokles dieses Nichtentstehen-Können auf die einzelnen Dinge: „Entstehung gibt es bei keinem der sterblichen Dinge noch auch ein Enden im verderblichen Tode. Nur eines gibt es: Mischung und Austausch des Gemischten“. Dieser Gedanke erinnert uns an das physikalische Energie-Erhaltungs-Gesetz: Wie „könne etwas entstehen, was vorher nicht vorhanden war, oder gänzlich sterben und vollständig ausgelöscht werden“; „immer nämlich wird es da sein, wohin einer es stellt“ (alle 3 Plutarchos).

Empedokles knüpft damit auch am dialektischen kosmischen Prinzip von Einheit und Gegensatz des Philosophie-Wegbereiters Perekydes (siehe früher) an: „Diese ständige Wandlung kommt nimmer zur Ruhe: bald vereinigt sich alles zu einem durch die Liebe, bald aber trennen sich wieder die einzelnen Stoffe im Hass des Streites“ (Clemens Alexandrinus). Damit stellt Empedokles den 4 Elementen noch 2 Kräfte zur Seite: das Vereinigende und Trennende, die Harmonie und die Zwietracht: „Von den Elementen aber abgesondert der unselige Streit und die Liebe“, wobei diese – wie Parmenides‘ Sein -  überall gleichmässig vorhanden, „überall gleich gewichtet“, „in Länge und Breite gleich“ sind (alles Clemens Alexandrinus) und auch eine „unermessliche Lebenszeit“ hätten (Hippolytos).

Im Widerspruch zur Unendlichkeit der 4 Elemente steht die Erklärung Empodekles‘ über die Liebe und den Streit als Erzeuger der Luft, die „als erstes sich aus der Mischung der Elemente absonderte“ (Pseudo-Plutarchos). Aber damit knüpfte Empedokles an Perekydes und Thales an und postulierte – was Parmenides sich ausserstande sah und seine Schüler kategorisch ablehnten - nämlich die Dialektik zwischen Einheit und Vielheit, Unendlichkeit und Veränderbarkeit. Damit stimmte Empedokles auch mit dem Dialektiker Herakleitos überein: „dass es am zuverlässigsten sei, beides miteinander zu verknüpfen und zu erklären: das Seiende sei zugleich Vielheit und Einheit und werde von Feindschaft und Liebe zusammen gehalten“ (Platon).

Und dieser Kampf zwischen Vereinigendem und Trennendem steht nach Empedokles in einem immerwährenden Prozess: „Denn vereinigt sich in der Liebe alles, um ein einziges zu sein, nicht auf einmal, sondern dass eine von hier, von dort das andere fügt sich willig zusammen.“ „Vieles aber stand noch ungemischt unter dem sich Mischenden, soviel als der Streit in der Schwebe zurückhielt“ (Simplikios).

Die Frage, wie denn die ‚Mischung der Stoffe‘ zustande käme, beantworte Empedokles durch das Vorhandensein von feinen Poren, die bei Symmetrie ein Eindringen und Abfliessen möglich machten; und dieses erfolge „nicht nur von Tieren und Pflanzen oder von Erde und Meer, sondern ebenso auch von Steinen, von Kupfer und Eisen“ (Plutarchos), womit er auch den Magnetismus erklärt.

Erkenntnistheoretisch interessant ist seine Erklärung der Erkenntnisfähigkeit, indem er sagt, „dass wir mittels solcher Vorgänge sowohl sehen wie hören und zum Bewusstsein aller anderer Sinnesempfindungen kommen“ (Aristoteles). Empedokles spricht aber auch von der Beschränktheit des Wissens durch die Begrenzung der Sinnesorgane, die Abstumpfung der Gedanken, die Kürze des Lebens und kritisiert: „So ist jeder von dem einen überzeugt, auf das er zufällig auf seinen Irrfahrten stiess. Und doch rühmt sich ein jeder, das Ganze der Wahrheit entdeckt zu haben“ (Sextos Empeirikos). Im Gegensatz zu Herakleitos sind für Empedokles alle Sinne gleich wichtig, „soweit es einen Weg des Erkennens gibt“: „Halte nicht irgend einen Blick mit mehr Vertrauen fest als es dem Gehör zukommt., stelle das brausende Ohr nicht höher als die Wahrnehmung der Zunge“ (beides Sextos Empeirikos). Doch wie Parmenides vertraut er dem Verstand mehr als den Sinnen: „Vertraue aber nicht den Werkzeugen der Sinne, sondern gebrauche deinen Verstand. Dann wird dir alles deutlich werden“ (Sextos Empeirikos).

Anknüpfend an den Pythagoreer Alkmaion beschäftigte sich Empedokles auch mit der Medizin: „Das Blut im Körper bewegt sich seiner Natur nach auf und abwärts“ (Aristoteles). Obwohl bereits Alkmaion das Denken richtigerweise im Gehirn verortete, fiel Empedokles wieder hinter diese Erkenntnis zurück, widersprach Alkmaion und schrieb dem Blut die Denkkraft zu: „Der vorherrschende Teil des Denkvermögens befindet sich weder im Kopf noch in der Brust, sondern im Blut“ (Pseudo-Plutarchos).  Richtigerweise vermerkte er aber, dass die Denkkraft einer Nährung durch das Blut bedarf (Porphyrios).

Während Parmenides die Entstehung der Geschlechter auf die Lage in der Gebärmutter zurückführte, versuchte Empedokles die Unterschiedlichkeit der Geschlechter auf den Einfluss von Wärme und Kälte zurückzuführen: „In den reinen Schoss ergoss sich der männliche und der weibliche Samen. Trifft er dort Kälte an, dann entstehen Mädchen, trifft er Wärme an, werden Knaben geboren“ (Galenos).

 

★ Bedeutung in der Geschichte der Philosophie

Die Stärke Empedokles bestand darin, dass er die verschiedenen Elemente der bisherigen Philosophen zu einem neuen ‚System‘ zusammenfügte. So finden sich viele seiner Ideen in den Werken des neuen griechischen Denkens: die Vierzahl der Elemente bei Anaximenes, die Unmöglichkeit des Entstehens aus dem Nichts, die Beschränktheit der Erkenntnis und die Kugelförmigkeit der Sphäre beim Sein des Parmenides, das dialektische Prinzip von Einheit und Gegensatz bei Perekydes, Thales und Herakleitos, die Entwicklung der Lebewesen bei Anaximandros, die Höhergewichtung des Verstandes gegenüber den Sinnen sowie die Identität von Seele und Denkvermögen (Aëtios) bei Parmenides, die Seelenwanderung bei Perekydes und Pythagoras, das Fliessen des Blutes bei Alkmaion, der Wasserkreislauf vom Meer zum Regen bei Xenofanes, die Erde als Mittelpunkt bei Anaximandros.

 

Doch mit seiner Kernidee des ‚Mischens‘ von Grundelementen ist Empedokles zusammen mit Xenophanes der Wegbereiter des späteren Atomismus: ”Diese Mischung wird aus den Elementen bestehen, die in sich selbst unveränderlich, in kleine Teilchen aufgespalten, eines ans andere gefügt sind» (Aristoteles). Durch das Prinzip von „Vereinigung und Aufspaltung“ war die Grundlage gelegt für die Entstehung der Körper aus „feinteiligen Stoffen“ (Aëtius).

 

Obwohl nicht empirisch erwiesen, postuliert Empedokles die Entwicklung der Lebewesen: „Vor allen Lebewesen seien zuerst die Bäume aus der Erde emporgewachsen“ (Aëtios) und „erst als die Erde vollendet war, sei die Tierwelt entstanden“ (Pseudo-Aristoteles). Ähnlich wie Anaximandros

konstruiert er eine Entwicklung der Lebewesen von „nicht vollkommenen Wesen“ (Aëtios), die sich über mythologische „Mischwesen“ (Aelianus) zu „ganzen Körpern“ (Pseudo-Aristoteles) und dann zu einer Mischung der unterschiedlichen Geschlechter entwickelt hätten.

 

★ Kritik

Ein grosser Verdienst ist, dass Empedokles und seine Anhänger explizit für das Sein eine bewusste Schöpfung und für die Dinge eine Beseeltheit ablehnten: So behaupten sie, dass die 4 Grundelemente „allesamt der Natur und dem Zufall ihr Dasein verdanken, keiner sei einer bewussten Absicht entsprungen. „Auch die „nach Ihnen entstandenen Körper wie Erde Sonne Mond und Sterne“ seien „durchaus unbeseelt“. „Und alle die einzelnen Stoffe sein durch den Zufall der Ihnen innewohnenden Triebkräfte in Bewegung geraten, so wie sie eben gerade zusammen getroffen seien und irgendwie gut zueinander passten.“ Und so sei „alles was auf der Welt existiert“ entstanden, „nicht durch den Geist, auch nicht durch irgend einen Gott oder aufgrund einer vorgefassten Absicht, sondern, wie bereits gesagt, durch Natur und Zufall.“ (alles Platon).

 

Während diese realistische Grundeinsicht ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Philosophie ist, schlich sich bei Empedokles eine andere Form von Beseeltsein in die Natur ein, die Beseeltheit aller Lebewesen:

Wie für Herakleitos sind auch für Empedokles „alle Wesen mit Bewusstsein versehen“ (Simplikios): „Denn du musst wissen, das alles Bewusstsein hat und Anteil am Denken“ (Hippokrates). Dies ist eigentlich richtig, aber Empedokles sah den Grund dafür in der Seelenwanderung, wobei er Seele und Denkvermögen gleichsetzte: „denn die Seelen wechseln ja einen Leib nach dem anderen“ (Hippolytos).

 

Mit seinen Vorstellungen über die Seelenwanderung und Reinkernation bleibt Empedokles in der altorientalischen Welt des Perekydes und Parmenides stehen: „Und im Wechsel der Zeit werden sie wiedergeboren, in aller Geschöpfe sterblicher Form sich verwandelnd“ (Hippolytos). So sei es am besten, bei der Seelenwanderung zum Löwen zu werden (Aelianus), denn es sei ja möglich, dass der Vater „den eigenen Sohn, der die Gestalt nur verändert hat, emporhebt und ihn schlachtet“ (Sextos Empeirikos).

So konnte später der Kirchenschriftsteller Hippolytos die Seelenwanderung mit Empedokles begründen und liess dabei nicht nur die buddhistische Erlösungstheorie sondern auch das Konzept der Bestrafung der rastlosen Seelen mitschwingen: „denn die Seelen wechseln ja einen Leib nach dem anderen, weil sie vom Streite umgepflanzt und bestraft und nicht in der Ruhe des Ur-einen belassen werden. Vielmehr würden die Seelen von dem Streit mit aller Art Strafen gezüchtigt. Körper um Körper, Gestalt im Gestalt müssen sie wechseln“ (Hippolytos, Kirchenschriftsteller).

 

Ich aber sage, zwar ist allen Dingen Informationsaustausch eigen, haben alle Lebewesen die Fähigkeit, anderes zu erkennen, kann man bei vielen Lebewesen eine Gefühlswelt feststellen und verschiedenen Tieren auch eine Reflektionsfähigkeit attestieren, so sind diese Fähigkeiten immer mit einem  materiellen Individuum verknüpft und wandern nicht als Seele umher. Es gibt weder eine Rückversetzung noch eine Höherentwicklung der Individuen durch die Wanderung ihrer Seelen durch verschiedene Körper. Der Gedanke einer unabhängigen Seele ist der Ausdruck der Entfremdung der Geisteskraft zu einem eigenen körperunabhängigen Wesen.

 

Auf den ersten Blick würde man Empedokles wenig erkenntnismässigen Fortschritt in der Astronomie zuerkennen, da

  • auch für ihn, noch immer die Erde „den sichtbaren Mittelpunkt“ des Universums einnahm (philo de provid? = Philopones?),

  • er das Phänomen von Tag und Nacht als Folge der Bewegung „zweier Halbkugeln, die eine völlig aus Feuer, die andere aus Luft“ (Pseudo-Plutarchos) erklärte,

  • er die Sonne nur „als Widerschein des Feuers“ (Pseudo-Plutarchos)   einstufte und

  • „der Mond scheibenförmig“ sei (Diogenes).

Überraschend war aber seine Aussage, dass der Mond „sein Licht von der Sonne habe“ (Pseudo-Plutarchos), „das Sonnenlicht vom Mond zurückgeworfen“ (Plutarchos) würde und „die Sonne doppelt so weit von der Erde entfernt sei als der Mond“ (Aëtios). Sogar revolutionär sind seine Gedanken über die Lichtgeschwindigkeit: „Das Licht der Sonne her gelange früher in die Zwischenregion zwischen Sonne und Erde als auf die Erde und in unser Auge“ (Aristoteles). „Eine solche Bewegung des Lichtes aber werde von uns wegen der zu grossen Geschwindigkeit nicht wahrgenommen“ (Philopones)

 

Während Empedokles in der Erkenntnistheorie eine gute dialektische Haltung einnimmt von Erkenntnisfähigkeit und Beschränktheit des Wissens, konstruiert er für die physische Erkenntnisfähigkeit eine  seltsame Verknüpfung mit seiner Lehre der 4 Urelemente: Er erklärt, „dass die Erkenntnis des Gleichen durch das Gleiche erfolge. Mit der Erde in uns Erde, mit dem Wasser das Wasser, mit dem Feuer das verderbliche Feuer, mit der Liebe die Liebe, den Hass mit dem betrüblichen Hass“ (Aristoteles). Eine bessere Annäherung an die Realität findet Empedokles beim Hören: „Das Hören geschieht durch den Laut von innen, indem die Luft von der Stimme bewegt wird und innen tönt. Das Hören ist nämlich wie eine Glocke. Indem sie schwingt, stösst sie die Luft zu den festen Körpern hin und macht den Schall (Theophrastos). Hier kommt nämlich Gleiches - die Schwingung der Stimmbänder - mit Gleichem - der Schwingung des Trommelfells – zusammen, was aber immer noch nur ein Teil des Hörens ist.

Ich aber sage, dass die Erkenntnis  grundsätzlich nicht Gleiches zum Erkennen braucht, sondern durch unterschiedlichste Perzeption der Wirklichkeit durch unsere Sinne, unser Bewusstsein und seine Reflektion darüber entsteht.

 

Perekydes von Syros

★ Zeit: ca. 550 v.u.Z. Perekydes Schaffenszeit ist nicht bekannt. Möglicherweise lebte er in der Zeit der 7 Weisen, vielleicht aber auch schon vor Homer.

★ Allgemein: Wahrscheinlich ist Perekydes ein Kollektivname mehrerer Denker. Perekydes war der erste Dichter, der seine Theogonie und Kosmogenie in Prosaform geschrieben hatte.

★ Bedeutung: Als erster formulierte er vor Thales die tiefgründige Weisheit, dass in der Welt Urprinzipien (wie Gegensätzlichkeit und Streben nach Einheitlichkeit) herrschen.

Auch formulierte er (als erster?) das wunderbare dialektische kosmische Prinzip von Einheit und Gegensatz: "Perekydes sagt, dass sich Zeus, als er im Begriff stand, die Welt zu schaffen, in Eros verwandelt habe, weil er den Kosmos aus den entgegengestzten <Elementen> zur Eintracht und Liebe zusammenführte und allen Dingen dasselbe Streben einpflanzte und die Einheit, die alles durchdringt." (Proklus zu Platon, Timaios)

★ Kritik: Perekydes bleibt in der Mythologie haften: Der Kosmos wird gemäß ihm vom Göttervater Zeus erschaffen. Naturelemente wie die Zeit oder die Erde betrachtet er als personifizierte Götterwesen "Chronos" und "Chthonie" (Erdgöttin).

Auch soll er als erster noch vor Pythagoras die Lehre von der Seelenwanderung aufgebracht haben. "Er meinte, die Seele der Menschen hätten ein ewiges Leben" (Cicero).

Ich aber sage, die Welt hat keinen "Schöpfer", die Naturprinzipien haben nichts "Menschliches, Persönliches". Viel grösseren Schaden in der Geschichte der Philosophie hat jedoch die mystische Trennung von Seele und Körper angerichtet.

Thales von Milet

★ Zeit: ca. 624-546 v.u.Z. Seine Heimatstadt Milet war damals als griechische Kolonie nicht nur ein wichtiger Handelsplatz zwischen dem persischen Hinterland und Ägypten, sondern auch offen für Neues. Von seinen Reisen nach Ägypten brachte Thales naturwissenschaftliche Kenntnisse, so die aus der Feldmesskunst des Nillands entstandene Geometrie, nach Griechenland mit.

Politisch befürwortete Thales, dass sich die einzelnen ionischen Städte zu einem Staatenbunde mit einer Bundesverfassung zusammenschliessen sollen. Seine Berechnungen über eine bevorstehende Sonnenfinsternis konnten die Ionier im Kriege nutzen.

Eine lustige Anekdote erzählt: "Als Thales, die Gestirne beobachtend ... in einen Brunnen fiel, verspottete ihn seine ... Magd: er wolle das am Himmel vor sich Gehende schauen, übersehe aber, was vor seinen Füssen liege" (Platon).

★ Allgemein: Thales bewies als erster verschiedene geometrische Eigenschaften von Kreisen, Dreiecken und deren Winkel und konnte mit dem Wissen über die Kongruenz die Entfernung von Schiffen auf dem Meer sowie die Höhe der Pyramiden messen.

Erkenntnistheoretisch stützte sich Thales auf Natur-Beobachtungen und entsprechend der Ähnlichkeit kongruenter Dreiecke auf den Analogie-Schluss. Aber auch wenn die meisten Erklärungen von Thales falsch waren, so war es trotzdem eine hervorragende historische Leistung, dass er versuchte, für Naturphänomene nur eine natürliche Ursache, eine rationale Erklärung zu finden:

- das Erdbeben als Folge davon, dass die Erde wie ein Schiff auf dem bewegten Meere schwimme,

- das Nil-Hochwasser als Folge der dem Fluss entgegenwehenden Winde.

Obwohl die kosmische Ursache der Sonnenfinsternis zu dieser Zeit noch unbekannt war, konnte Thales das Jahr einer kommenden Sonnenfinsternis mit Hilfe der von den Chaldäern beobachteten „aros-Perioden" berechnen.

★ Bedeutung: Thales kann als Urheber der griechischen Philosophie bezeichnet werden (Aristoteles und Theophrast).

Als erster Denker löste sich Thales vom Mythenglauben und wandte sich der Naturforschung zu. Während die bisherigen Denker (Hesiod, Orphiker, Perekydes) die Entstehung des Seienden nur durch das Eingreifen persönlicher übernatürlicher Wesen (personifizierte Naturkräfte oder ethische Begriffe) erklären konnten, führte Thales die Dinge auf "natürliche" Ursachen zurück. Auch wenn der Einfluss ägyptischer und phönikischer Wissenschaften nicht hoch genug eingeschätzt werden darf, so hat Thales mit seinem physikalischen Denken doch auch gegenüber den orientalischen Vorstellungen etwas ganz Neues geschaffen.

Den Urgrund (Arche) "woraus alle Dinge bestehen, ursprünglich entstanden sind und worin sie schliesslich vergehen, indem ihre Substanz bestehen bleibt, ihre Zustände sich aber wandeln" (Aristoteles) sah Thales aufgrund seiner Naturbeobachtungen im Stoff des Wassers. Hinter dem Wechsel der Erscheinungen steckt also nach Thales ein ewig unveränderliches Urelement, das die Dinge aus sich hervorbringt und sie dann wieder in sich zurücknimmt. 

Da alles Sein einen gemeinsamen natürlichen Ursprung hat, impliziert Thales die Einheit aller Dinge.

Folgerichtig postuliert er, dass "weder etwas aus dem Nichts entstehen noch in das Nichts vergehen könne, da die Ganzheit der Natursubstanz (physis) immer erhalten bleibe" (Aristoteles). Damit nimmt Thales das Gesetz der Energieerhaltung voraus.

Thales gab auch der Seele einen anderen Sinn, indem er die den Dingen innewohnende Kraft als Seele bezeichnete: "Magnetstein besitze Seele, weil er das Eisen in Bewegung setzt" (Aristoteles).

★ Kritik: ich aber sage, Thales geniesst als erster wirklicher Philosoph, der sich von jahrtausendealter Mythen befreien konnte und für alle aufgeklärten Menschen die Quelle eines rationalen Weltbildes schuf, meine höchste Hochachtung. Seine Fehler sind Nebensächlichkeiten im Strom der Philosophie. 

 

Anaximandros von Milet

★ Zeit: 611-546 v.u.z. Anaximandros war nach Thales der 2. ionische Philosoph, sein Schüler und Nachfolger. Ausser seiner Reisen ans Schwarze Meer und nach Sparta, verbrachte er fast sein ganzes Leben in Milet.

★ Allgemein: Als Schüler von Thales übernahm Anaximandros die Idee des Urgrunds und knüpfte an dessen naturwissenschaftlichen Weltbild ohne Götter an. Als erster Mensch des Abendlandes hatte er eine rationale, rein physikalische Erklärung der 'Meteora', der Dinge in der Höhe (Gestirne, Wolken): „Als diese (Kugelhülle aus Feuer) dann auseinanderriss … hätte sich daraus die Sonne, der Mond und die Gestirne gebildet“ (Pseudo-Plutarchos).

Eine für das damalige Denken unerhörte Annahme war die - an Perekydes "geflügelte Eiche" anknüpfende - Vorstellung der Erde als baumstumpfförmig, freischwebend: "Die Erde ist einer Steinsäule ähnlich" (Aëtios). „Auf einer ihrer Grundflächen wohnen wir“ (Hippolytos). „Anaximandros sagt, dass die Erde sich in schwebender Lage und im Mittelpunkt des Weltraums befinde“ (Aristoteles), dies aufgrund des Gleichgewichts, des "gleichen Abstandes überall hin“ (Hippolytos).

Vor Hekataios entwirft Anaximandros als erster eine Weltkarte. "Er hat als erster den Umfang von Erde und Meer beschrieben, einen Himmelsglobus konstruiert" (Diogenes) und sogar "die schiefe Lage der Ekliptik (des Tierkreises) erkannt" (Plinius).

Auch im Bereich der Evolution postulierte Anaximandros Erstaunliches: für ihn musste der Mensch aus anderen Lebewesen hervorgegangen sein, dies schon aus der Problematik, dass der Mensch ohne Vorfahren/Eltern und damit ohne mütterliche Pflege nicht überlebensfähig gewesen wäre: Die menschliche Frucht sei in fischähnlichen Lebewesen "bis zur Geschlechtsreife im Innern zurückgehalten worden"; erst dann seien "Männer und Frauen herausgetreten, die sich nun selbst erhalten konnten" (Censorinus). Ein verwegener Gedanke ist auch Anaximandros These, "die ersten Lebewesen seien im Feuchten entstanden ... und hätten sich später, in herangereiftem Zustand, aufs Trockene begeben" (Aëtios), was an Thales Urgrund des Wassers anknüpft, aber auch durch die moderne Naturwissenschaft so belegt worden ist.

★ Bedeutung: Anaximandros abstrahiert Thales' Idee (das Wasser als Urelement) noch weiter und setzte das 'grenzenlos Unbestimmbare' als Urgrund alles Seienden. "Ursprung aller bestehenden Dinge ist das grenzenlos Unbestimmbare." (Simplikios). Damit macht Anaximandros einen Schritt über das sinnlich Gegebene hinaus: nur das Unendliche verbürgt die ewige Dauer des Entstehens und Vergehens: Es hat "keinen Anfang“, ist „unentstanden“ (Aristoteles), "ist ohne Alter“, „altere nie" (Hypolitos) und ist schlussendlich „ohne Tod und unvergänglich" (Aristoteles).

Die einzelnen Dinge entstehen jedoch nicht durch "Wesenvenderung des Urelements", sondern "infolge einer Aussonderung der gegensätzlichen Stoffe" (Simplikios). Das knüpft nicht nur an Perekydes kosmischen Prinzip des Gegensatzes an, sondern erinnert uns auch an modernste physikalische Theorie von Stephen Hawking über das Enstehen von Materie und Antimaterie aus dem Nichts. 

Eine noch grössere Bedeutung in der Geschichte der Philosophie nimmt seine Theorie der "ewigen Bewegung" ein, mit welcher er zusammen mit Perekydes die Grundlage für Heraklits Dialektik schuf: "denn ohne Bewegung könne es weder ein Entstehen noch ein Vergehen geben" (Simplikios). Wenn die Bewegung zum innersten Wesen des ewigen Urgrundes gehört, so muss alles durch sie Geschaffene, müssen sogar „sämtliche Welten" der Veränderung, „der periodischen Ablösung“ (Pseudo-Plutarchos) unterliegen: allen Dingen - ausser dem Urgrund selbst - sei „die Zeit ihrer Entstehung, ihres Bestehens und ihres Vergehens bestimmt" (Hippolytos).

Ruhen tut - wie die Erde - nur etwas, das im Gleichgewicht, im Zentrum steht : „eine Bewegung gleichzeitig nach entgegengesetzten Seiten ist unmöglich“ (Aristoteles), was ja heute durch die Vektorgeometrie anerkannt und genutzt wird.

★ Kritik: Man mag kritisieren, dass Anaximandros Theorien von der Entstehung der Gestirne (aus der die Erde umgebende Feuerhülle) oder des Menschen (aus fischähnlichen Lebewesen) viel Spekulatives enthält. Trotzdem ist es eine der ersten Versuche, Phänomene der Natur durch logische Schlussfolgerung zu erschließen.

Die grundsätzliche Entstehung der Wirklichkeit, der Dinge "infolge einer Aussonderung" und explizit nicht durch "Wesenvenderung des Urelements", hindert Anaximandros zu erkennen, dass sich in der Realität Dinge auseinander entwickeln, also die Menschen nicht nur - wie altotientalische Vostellungen berichten - aus den Fischleibern "herausgekommen" sind, sondern die Lebewesen im Laufe der Zeit evolutionär ihr Wesen selbst verändert haben. Die alte Vorstellung der Mythen, welche Menschen wie Götter durch einen einmaligen Vorgang entstehen lassen, schwingt hier noch mit.

Auch wenn die Postulierung der "Erde ... im Mittelpunkt der Welt" (Aristoteles) mehr eine Begründung ihrer "schwebenden Lage im Weltraum" durch stabilisierendes "Gleichgewicht" war, sollte später daraus durch kirchliche Dogmatisierung ein fürchterliches Instrument gegen die Wissenschaft selbst werden.

- ich aber sage, Anaxinandros war mit Thales der Begründer des von Mythen befreiten Denkens, der Philosophie überhaupt und schuf damit die Grundlage allen freien und aufgekärten Denkens der letzten 2 1/2 tausend Jahre.

 

Anaximenes von Milet

★ Zeit: - 525 v.u.Z.

★ Allgemein: Für Anaximenes entstanden alle Dinge aus den 3 Elementen "Erde, Wasser, Feuer" (Cicero), die selbst aus dem unendlich ausgedehnten Urgrund der 'Luft' entstanden sind. "Alles entstehe aber infolge einer gewissen Verdichtung der selben und wiederum infolge ihrer Verdünnung" (Plutarchos)&.

★ Bedeutung: Anaximenes' grosser Verdienst war es, als erster eine Art Aggregatzustände, den Prozess von "Verdünnung und Verdichtung" (Simplikios) beschrieben zu haben: "wenn sich die Luft verdünnt, werde sie zu Feuer; die Winde aber seien verdichtete Luft; sich mehr verdichtend, wird sie zur Wolke; bei noch stärkerer Verdichtung ferner zu Wasser, noch viel mehr sich verdichtend endlich zur Erde und bei allerstärkster Verdichtung zu Stein" (Plutarchios). Auch erkannte er den Zusammenhang des Volumens, resp. der Konsistenz mit der Temperatur: "Das, was sich von der Materie zusammenzieht und verdichtet, bezeichnet er als das Kalte, das Dünne und Schlaffe dagegen als das Warme" (Plutarchos).

Eine grossartige Leistung war auch, dass Anaximenes als erster erkannte, dass der Mond sein Licht von der Sonne hat und wie eine Mondfinsternis entsteht" (Theo Smyrnaios)

★ Kritik: Anaximenes Denken war bis auf wenige Ausnahmen ein Rückschritt gegenüber der Philosophie seiner Vorgängern Thales und Anaximandros. Von Anaximandros Urgrund des 'grenzenlsen Unbestimmbaren' kehrte er wieder zu einem ausgewählten Stoff, der "Luft als Urgrund" (Simplikios) zurück. Auch die Erde war für ihn nicht mehr ein frei schwebendes Gebilde, bei welchem sich die Gestirne "unter der Erde hindurch" bewegten, sonder wieder eine flache Scheibe, die so "breit wie ein Blatt" sei (Aëtios). 

Ich aber sage, Anaximenes' Erklärungungen zeigen, dass die Entwicklung des Wissens nicht linear verläuft, sondern trotz großartigen Vorbildern schnell wieder zurückgeworfen werden kann. Auch wird man das Gefühl nicht los, dass er seine Lehrer nicht wirklich verstanden hat und seine Theorien in sich selbst nicht konsistent sind: so spricht er einerseits von "Körpern, die mit den Gestirnen herumkreisten" (Hippolytes), andererseits erklärte er, dass "die Gestirne mit einer Art Nägel am Kristallfirmament befestigt seien" (Aëtios).

 

Pythagoras / Pythagoreische Schule von Kroton, Alkmaion, Filolaos

★ Zeit: Bekannt ist, dass Pythagoras gegen 540 v.u.Z. wegen der Gewaltherrschaft des Tyrannen Polykrates Samos verliess und nach Kroton in Süd-Italien auswanderte, wo er einen aristokratisch-konservativen Bund gründete, der bald selbst mit den demokratischen Strömungen Griechenlands im Konflikt stand, was zu blutiger Verfolgung der Anhänger und deren Vertreibung führte.

Offensichtlich "genoss Pythagoras persönliche Verehrung" (Platon) und "man hat ihn so bewundert, dass man aus seinem Haus einen Tempel machte" (Justin).

★ Allgemein: Bei der Pythagoreischen Schule handelte es sich um einen kultischen Bund, dessen Mitglieder wissenschaftlich, philosophisch und kulturpolitisch tätig waren. Ähnlich einem Orden umgab er sich mit Geheimnissen und kapselte sich ab. Wir betrachten deshalb Pythagoras und die verschiedenen Anhänger wie Petron, Hippasos, Alkmaion, Philolaos, Archytas, Hiketas, Ekphantos und Aristoxenos zusammen. 

Pythagoras selbst war ein Schüler des Pherekydes. Er "soll auch mit dem Chaldäer Zarathustra zusammengetroffen sein" (Hippolytes).

Die 'pythagoreische Lebensweise' folgte strengen Regeln der Selbstbeherrschung: "mit der gesunden Lebensweise nahmen sie es sehr genau" (Iamblichos). Kern ihrer Idee war "die Gesetzlichkeit des Gleichmasses, der Symmetria" (Iamblichos) bei Speise, Trank, Körpergewicht, Gemütslage oder zwischen Arbeit und Erholung: "Regellosigkeit und Mangel an Gleichmass ist hässlich und unzuträglich" (Stobaios). "Sie vermieden daher zornige Aufregung, Niedergeschlagenheit und lärmendes Erregtsein“; "niemals züchtigte einer von Ihnen einen Sklaven"; "aus der Art der Zurechtweisung müsse viel Güte und Wohlwollen hervorleuchten" (Iamblichos). So übten sie sich in Geduld, Zuhören, Schweigen, kurz der Züchtigung ihrer Begierde.

Durch das Streben nach Eintracht, Ausgleich und Harmonie vertrat der Pythagoreer Archytas auch das Postulat der sozialen Gleicheit: "Daher nehmen also die Armen von den Vermögenden und die Reichen geben den Bedürftigen ab" (Stobaios). Außerordentlich und aussergewöhnlich war auch die pythagoreische Gleichberechtigung der Frauen, was sonst in der damaligen griechischen Gesellschaft kein Thema war.

Die Voraussage mittels vernünftigen Denkens hatte das Ziel, dass "nichts, was Menschen widerfahren könne, unerwartet kommen dürfe." (Iamblichos). Deshalb trainierten sie auch täglich das Gedächtnis, "denn in Bezug auf Wissen, Erfahrung und vernunftmässige Erkenntnis gibt es nichts Besseres als die Kraft des Gedächtnisses." (Iamblichos)

Die Pythagoreer wandten "die Heilkunst zur Reinigung des Körpers, die Musik zur Reinigung der Seele an" (Aristoxenos/Cramer).

★ Bedeutung: Ein Verdienst von Pythagoras war es, dass er das dialektische kosmische Prinzip Perekydes' von Einheit und Gegensatz auf das menschliche Verhalten übertrug und ausgeglichene Wesenheit (Symmetria) postulierte.

An der Weiterentwicklung der Dialektik war der Arzt Alkmaion von Kroton massgebend beteiligt. Er akzeptierte nicht nur eine bestimmte Anzahl von Paarheiten, sondern postulierte, "dass sich die Vielheiten menschlicher Dinge auf Paarheiten zurückführen lassen", "dass es paarweise zusammengehörige Prinzipien gebe" (wie Licht und Dunkelheit, Ruhendes und Bewegtes, Begrenztes und Unbegrenztes, Gerades und Ungerades, Gutes und Böses, etc.), ja, "dass die Gegensätze die Urgründe der Dinge sind" (alles Aristoteles).

Es war auch Alkmaion, der in der Kosmologie Planeten und Fixsterne unterschied (Aëtius). Es war dann der Pythagoreer Filolaos der als erster erkannte, dass sich die Erde in kreisförmiger Bahn bewegt: "Die anderen Denker erklärten, die Erde verharre. Filolaos aber, der Pythagoreer, behauptete, sie schwinge sich in einem Kreis von schiefer Lage" (Aëtios). Hiketas und Ekfantos realisierten, dass "die Erde sich mit höchster Geschwindigkeit um ihre Achse herumdrehe" (Cicero), schlossen damit aber die Kreisbewegung Filolaos um das Zentrum des Weltraums wieder aus, da sich die Erde "im Mittelpunkt der Welt um ihr eigenes Zentrum" bewege (Aëtios). Erst der Astronom Aristarchos von Samos (260 v.u.z.) verband die beiden Elemente und schuf damit 1'770 Jahre vor Kopernikus das heliozentristische Weltbild, indem er "die Sonne unter die Fixsterne rechnete und die Erde um sie laufen lässt" (Plutarch).

Zum ersten Mal in der Geschichte erhielt die Mathematik eine zentrale Bedeutung in der Philosophie: "die Prinzipien des Mathematischen seien auch die alles Seienden." (Aristoteles).

Für die Pythagoreer wurden die Zahlen die Grundelemente der Wirklichkeit und das Seiende ein Abbild der Zahlen: "So nahmen sie an, die Elemente der Zahlen seien die Elemente alles Seienden und die ganze Welt sei Harmonie und Zahl" (Aristoteles). Philolaos sagt: "Das Eine, die Eins ist der Anfang, der Urgrund von allem" (Iamblichos). Harmonie fanden sie auch in der Tonfolge der Musik und Sphären der Gestirne, die von der Mitte des Kosmos "in ganz bestimmten Zahlenverhältnissen entfernt sind" (Aristoteles) oder - Filolaos ganz wie der Lehrer Perekydes - im Zusammenhalt des aus widersprechenden Elementen bestehenden Kosmoses: "Harmonie ist Einigung von Buntgemischtem und Zusammenstimmung von getrennt Gestimmten" (Nicom. Arithm.). 

Für den Arzt Alkmaion von Kroton unterscheidet sich der Mensch erkenntnistheoretisch von den übrigen Lebewesen dadurch, "dass er allein denkt; die anderen können wohl wahrnehmen, aber nicht denken" (Theofrastos). Als erster hat er den Menschen von den Tieren unterschieden und entdeckt, "dass das Denken etwas ganz anderes ist als die Wahrnehmung" (Theofrast). Interessant ist auch Archytas' Unterscheidung der Wissensaneignung durch "Erlernen", was "mit fremder Hilfe" geschieht und andererseits durch das "Finden", das "durch eigene Kraft" selbst erworben und oft nur durch Suchen gewonnen werden kann (alles Stobayos).

Erkenntnistheoretisch ist auch Filolaos' Aussage interessant, dass, "wenn alles grenzenlos wäre", es" nicht einmal das Objekt der Erkenntnis geben" würde (Iamblichos), was so interpretiert werden kann, dass also alle Erkenntnis, sogar jene der Unendlichkeit (z.B. die Unendlickeit der Zahlenreihe), endlicher Objekte (z.B. der Zahlen) bedarf. Filolaos hält zu Recht fest, dass die "Zahl erkenntnisbewirkend" sei, da sie "innerhalb der Seele alle Dinge in Einklang mit der äusseren Wahrnehmung setzt und sie dadurch der Erkenntnis zugänglich macht", sie "in Entsprechung untereinander setzt" und " indem sie den Dingen körperliche Erfassbarkeit verleiht". Auch würde die Zahl keine Täuschung zulassen: "Die Wahrheit ist in dem Zahlengeschlecht zuhause" (alles Theon Smyrnaios).

Alkmaions Heimatstadt Kroton war zu seiner Zeit ein bedeutendes Zentrum der griechischen Medizin; dort lebte damals der berühmte Arzt Demokedes

Alkmaion aus Kroton, dem dazumal bedeutenden Zentrum der griechischen Medizin „wagte es als erster, eine Sektion am Menschen auszuführen" (Chalvcidius), beschrieb und unterschied auch die menschlichen Sinne auf ausgezeichnete Weise und brachte sie bahnbrechend auch mit dem Gehirn in Zusammenhang: "Im Gehirn befindet sich das lenkende Zentrum der Wahrnehmungen" (Hippokrates). Wir denken nicht mittels des Blutes, auch nicht der Luft oder des Feuers, "das Gehirn ist es, das uns den Verstand vermittelt" (Hippokrates).

★ Kritik: Auch wenn die Pythagoreer hohe moralische Werte wie Wohlwollen, Güte, Menschenfreundlichkeit, Ausgeglichenheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Verbot blutiger Opfer oder Gesetzestreue vertraten, trauten sie dies dem Volk nicht zu "ohne dass jemand ihm zur Leitung vorstünde". Diese konservative Haltung führte dazu, dass sie die Anarchie als "grösstes Übel" ansahen, bei "den überkommenen Gewohnheiten der Väter verharrten" (alles Iamblichos) und von den Untertanen "Liebe zu den Herrschenden" verlangten (Stobaios). Unglücklicherweise erhoben die Pythagoreer dies zum göttlichen Prinzip, dass Gott sich um das Menschengeschlecht sorgt, "denn wir Menschen haben eine Aufsicht nötig, der wir uns in keiner Weise zu widersetzen wagen“ (Iamblichos). Da das "Menschenwesen von Natur aus überheblich sei ... bedürfe es einer Autorität und Drohung, von der eine gewisse Mahnung und regelnde Kraft ausgeht" (Aristoteles).

Ich aber sage, alle Menschen in einer Gesellschaft sollen und können moralische Werte hochhalten, müssen wichtige gesellschaftliche Fragen entscheiden können und Instrumente zur Kontrolle der Menschen mit Macht besitzen. Das Menschengeschlecht braucht keine würdige und drohende Gottheit sonden den Verlass auf eine funktionierende Rechtsstaatlichkeit. Deshalb ist diese von unschätzbarem Wert.

Auch das Wissen ordnete der Pythagoräer Alkmaion den Göttern zu. "Über das Unsichtbare und das Irdische haben nur die Götter ein genaueres Wissen. Den Menschen ist es nur verstattet, Mutmassungen zu haben" (Diogenes). Ich aber sage, wenn der Mensch auch nicht allwissend und sein Wissen nicht abschliessend ist, ist der Mensch trotzdem und ohne Götter in der Lage, richtige Erkenntnisse über die Welt zu erlangen.

Auch wenn Pythagoras vielleicht nur den Hund vor den Schlägen retten wollte - was verdankenswürdig wäre - so knüpfte er mit der Lehre der „unsterblichen Seele“ doch an einen der wenigen Missgriffe Thales' und der ägyptischen Mystik - den Umlauf der Geburten - an und postulierte die Reinkernation, indem er in der Stimme des Hundes "die Seele eines befreundeten Mannes wieder erkannte" (Xenophanes). Am Schluss verstieg er sich sogar dazu, dass er dadurch alle Dinge der Welt "in den 10 oder 20 Leben, die er geführt" hatte, "beschauen" könne. (Porphyrius). Entsprechend beraubte sein Schüler Filolaos den Menschen seines eigentlichen Wesens und liess die Seele, die "ein körperloses Dasein im Weltall führt" den Körper suchen, "weil sie ohne ihn die Sinne nicht benutzen kann" (Claudianus Mamertinus). Ich aber sage, diese Gedankengänge sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein Phänomen seiner Ausgangslage entfremdet wird und völlig absurd als eigenständiges idealistisches Wesen zurückkehrt.

Die Überhöhung der Zahlen führte beim Pythagoreer Petron frei von jeder empirischen Erkenntnis zur abstrusen Behauptung, dass die Welten in der Zahl 183 wären, wobei sie in Form eines gleichseitigen Dreiecks mit je 60 an jeder Seite und je einer an der Ecke aneinander gereiht seien (Plutarchos). Auch wenn korrekterweise die Zahl "erkenntnisbewirkend" ist (siehe oben), wird Filolaos' Überhöhung der Natur der Zahl absurd, nämlich dass man ohne Zahl gedanklich nichts erfassen oder erkennen könne: "Alles was man erkennen kann, hat Zahl" (Stobaios). Er machte auch aus der Zahl 10, der ersten zusammengesetzten Zahl und dem genialen Zehnerübergang etwas "in sich Vollendetes", etwas Göttliches, ja "das vollendetste aller Dinge", das "vollkommenste Vorbild für den das Weltganze gestaltenden Gott" (Theon Smyrnaios). Ich aber sage, hätte der Mensch 9 Finger, dann würden wir mit einem Neunersystem rechnen.

Leider stützten sich die Pythagoreer auch zu wenig auf die Empirie ab. So postulierte Filolaos plötzlich aus dem pythagoreischen Drang zur Ausgewogenheit eine zu unserer Welt gegenüberstehende mit Menschen bevölkerte "Gegenerde" (Aëtios). Die Physik lernt uns jedoch, dass die Gravitation der Sonne unsere "Gegenerde" ist und uns auf der Bahn um sich hält.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Pythagoreer zwar bahnbrechende Erkenntnisse gewannen (Kreisbewegung und Eigenrotation der Erde, Gehirn als Ort des Denkens durch erste Sektionen am Mensch, Bedeutung der Mathematik in der Wirklichkeit und bei der Erkenntnis), sozial revolutionäre Postulate aufstellten (Gleicheit zwischen Arm und Reich, Gleichberechtigung der Frau, Menschenfreundlichkeit auch gegenüber den Sklaven), sich selbst in ihrem Leben auch danach verhielten (Selbstbeherrschung, Gleichmass, Geduld), die Dialektik hochhielten und erkenntnistheoritisch zwischen Wahrnehmung der Tiere und Denken der Menschen unterscheiden konnten,

in ihrem gesellschaftlichen Weltbild doch undemokratisch und in der Philosophie vor Thales' erschütternder Wende zurückblieben.

Sie trauten dem Volk keine Selbstbestimmung zu, blieben selbst ein aristokratischer Geheim-Zirkel, konnten die kultische Religiosität nicht ablegen und liessen viele Erkenntnisse durch Erhöhung und Entfremdung zu einer idealistischen oder göttlichen Sache werden (das genaue Wissen, das Gott vorbehalten sei, resp. der Zahl bedarf; die Notwendigkeit Gottes als sozial regelnde Kraft und Autorität; die Körperlosigkeit der herumirrenden Seele; die Dreiecksform der Welten; die Vollkommenheit der Zahl 10 und ihr Vorbildcharakter für den gestaltenden Gott; die Erfindung einer Gegenerde; etc.)

 

Xenofanes und Theagenes

★ Zeit, historische, gesellschaftliche und private Situation

Zeit: Xenofanes stammte aus Kolofon unweit von Efesos, war zeitlebens auf Wanderschaft und musste als 40-Jähriger vor den das ionische Siedlungsgebiet an der kleinasiatischen Küste erobernden Persern nach Italien fliehen, wo er mit vielen anderen Griechen im südlichen Elea nahe Paestum eine neue Heimat fand. Er lebte von ca. 580 - ca. 490 vuZ.

 

Theagenes, der jüngerer Zeitgenosse von Xenofanes  wurde etwas später geboren (im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts vuZ) und lebte in Rhegion, einer weiteren westgriechischen Stadt in Unteritalien an der Meeresstrasse von Messina.

 

★ Allgemein zu seinem Wirken, Beziehung zu anderen Philosophen

Xenofanes lehrte als Erster in Elea, das auch weitere grosse Filosofen wie Parmenides und Zeon hervorbrachte. Xenofanes war - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - weniger Naturphilosoph, sondern mehr Poet und Sänger.

Er beeinflusste auch stark seinen jüngeren Weggefährten Theagenes.

 

★ Bedeutung in der Geschichte der Philosophie

Mit Theagenes verband Xenofanes die Interpretation der Götterwelt von Homer und Hesiod als etwas vom Menschen Geschaffenes. Es war etwas Revolutionäres, dass verstanden wurde, dass die Götter von den Menschen geschaffen wurden nach ihrem Ebenbild und als Allegorie von Eigenschaften der Dinge, von Zuständen und Fähigkeiten. Xenofanes dazu: "Die Sterblichen wähnen, die Götter würden geboren, und sie hätten Gestalt, Tracht und Sprache wie sie". "Hätten die Rosse Hände, würde das Pferd wie ein Ross seine Götter gestalten". „Äthiopier sehn ihre Götter stummpfnasig, schwarz - glänzenden Augs, rothaarig stellen die Thrakier sie dar" (alles Clemens Alexandrinus). Mit dieser fundamentalen Erkenntnis erlangte Xenofanes den Ruf des ,Sturmvogels der Griechischen Aufklärung'.

 

Theagenes deutete die Götter u.a. physikalisch und erklärt die Homerschen Mythen allegorisch: Wenn zum Beispiel von den Gegensätzen zwischen dem Feuchten und dem Warmen gesprochen wird, "so lasse der Mythendichter Schlachten stattfinden, wobei er dem Feuer den Namen Apollon beilegte, das Wasser aber Poseidon nennt". "Ebenso verhält es sich, wenn der Dichter Zuständen und Fähigkeiten den Namen von Göttern beilegt. So verleiht er dem Nachdenken den Namen der Athene, dem Unverstand den des Ares; die Begierde nennt er Aphrodite; der Verstand wird symbolisiert durch Hermes" (Scholia Homer).

 

Damit enttarnt Theagenes die homerschen Götter als nichts anderes als Verbildlichungen von abstrakten Begriffen, indem der Dichter diesen persönliche Gestalt gegeben habe.

Obwohl selbst noch im Gottesglauben verhaftet, schufen Xenofanest und Theagenes durch die Umdrehung der Schöpfung - nicht Gott schuf den Menschen, sondern umgekehrt: der Mensch schuf die Götter nach seinem Ebenbilde und als Symbol realer Umstände - eine der wichtigsten Grundlagen der Religionskritik.

Xenofanes erkannte zudem den Zusammenhang zwischen Meer, Sonnenwärme, Wolken, Wind und Flüssen. Wenn auch nicht ganz alles folgerichtig erklärt wurde und das Meer zur Quelle nicht nur von Wolken und Flüssen, sondern fälschlicherweise auch zur Quelle des Windes erkoren wurde, war dies doch eine erste Einsicht in ein komplexes System der Natur. Auch erkannte er, dass "die Sonne von Nutzen für die Welt und für die Entstehung und Betreuung der in ihr befindlichen Lebewesen" sei (Aëtios). Anknüpfend an den bewegten "Sonnenstäubchen" der Pythagoräer (Aristoteles) ebnete Xenophanes mit seiner Ansicht über die Entstehung und Zusammensetzung der Sonne "aus Feuerteilchen" den Weg für die späteren Atomisten. Auch interpretierte Xenofanes die Versteinerungsfunde von Syrakus und Malta geologisch zwar falsch, aber - was mehr zählt - als natürliches Phänomen der "Vermischung der Erde mit dem Meer" (Hippolytes), welches zum Abgleiten der Erde in das Meer führe.

 

★ Kritik

Xenofanes zeigt zwar, dass die Götter ein Abbild des Menschen und so dessen Geschöpfe sind, nur aber um selbst seinen eigenen Gott als "grössten" zu postulieren: "Gott ist ganz Auge, ganz Denken und alles vernimmt er. Mühelos lenkt er das All, alleine mit der Kraft des Gedankens" (Sextos Empeirikos). "Xenofanes lehrte, dass alles ein einziges Ganzes sei und dass diesem ein grenzenlos Göttliches zugrunde liege, voll Geistes, unwandelbar" (Galenos). Damit wird der Einfluss des persischen Religionsgründers und Monotheisten Zarathustra klar.

 

Ich aber sage, der Mensch erschuf Gott und die Götter. Der Glaube an Gott ist die grösste filosofische Entfremdung einer menschlichen Erklärung, die so selbst zum "Schöpfer" wird.

Das schlimmste Vermächtnis für die Geschichte der Filosofie machte Xenofanes aber, indem er seinen Götterglauben unangreifbar machte, da er behauptete, dass sowieso niemand über Gott und seine These etwas Sicheres wissen könne: "Nie noch lebte ein Mann noch wird es ihn geben, der von den Göttern und dem, was ich sage, Sicheres wüsste" (Sextos Empeirikos). So war der Agnostizismus geboren.

Ich aber sage: die Verteidigung des Gottesglaubens dadurch, dass man agnostisch behauptet, über Gottes Wesen nichts sicheres wissen zu können, lässt einerseits das Postulat der Gottesexistenz stehen und andererseits alle Gottes-Zweifler als in ihrer Argumentation unfähig erscheinen. Unklar aber ist, woher die Agnostiker ihre Gewissheit über das Nichtwissen her haben. Nach ihrer eigenen Meinung dürften wir ja das Wissen infragestellen, also den Agnostizismus selbst als ungesichert und damit als fragwürdig ablehnen.

Wie Alkmaion, der das genauere Wissen den Göttern vorbehielt, sprach auch Xenofanes den Menschen das Wissen ab: "Ist doch dem Menschen in allem nichts anderes gegeben als Wahn" (Sextos Empeirikos).)

 

Ein Rückschritt Xenofanes war auch die Vorstellung, dass sich die Erde gegen unten unendlich ausdehne, "dass sie selbst im Unendlichen wurzle“ (Aristoteles). Dies widersprach natürlich den bereits zu dieser Zeit bestehenden Erkenntnissen über die Bewegung der Erde im All. Dementsprechend erklärte er auch fälschlicherweise die Auf- und Untergänge der Gestirne als "Aufglühen und Erlöschen ihres Feuers" (Aëtios).

 

Heraklit

★ Zeit, historische, gesellschaftliche und private Situation

Nach den geistigen Umwälzungen in Milet erreichte das neue Denken die andere kleinasiatische Küstenstadt Ephesus, wo gegen 540 vuZ. Herakleitos geboren wurde. Aufgewachsen in einer vornehmen Familie, machten ihm - ähnlich wie Pythagoras - die neuaufkommende demokratische Bewegung Mühe - "einer wiegt mir tausend auf, wenn er nur der Beste ist" -, so dass er sich jeder Betätigung im öffentlichen Leben enthielt. Er selbst hat es aber geschafft, was er für das Streben der Besten hielt: "Eines ziehen die Besten allem anderen vor: den ewigen Ruhm den vergänglichen Dingen" (Clemens Alexandrinus)

 

★ Allgemein zu seinem Wirken, Beziehung zu anderen Philosophen

 

Aufbauend auf Perekydes' kosmischem Prinzip von Einheit und Gegensatz entwickelte Herakleitos die philosophische Dialektik weiter. Wie der Pythagoreer Alkmaion sah auch Herakleitos die Gegensätzlichkeit nicht nur in den "Elementen", also z. B. zwischen Zusammenstrebendem und Auseinanderstrebendem, sondern auch im Sozialen zwischen Sklaven und Freien, zwischen gut und schlimm, rein und unsauber, zwischen biologisch Lebendigem und Totem, Weiblichem und Männlichem, zwischen dem Wachsein und Schlafen, Jungem und Altem, etc. Durch sein Gegenüber erhalte das Eine auch seinen Sinn: "Krankheit lässt Gesundheit süss empfinden, Übel das Gute, Hunger den Überfluss, Mühsal die Musse" (Stobaios)

 

Diese Widersprüchlichkeit ist für Herakleit der Antrieb und die Ursache der Veränderung, denn diese und alles Entstehen geschähe "durch gegenläufige Gewalt", "Kampf und Streit führen zum Werden der Welt" (beides Diogenes). Damit ist es nicht weit zu seiner Kernaussage: "Der Kampf ist der Vater aller Dinge" (Hippolytos).

 

Herakleitos Dialektik kommt natürlich nicht aus ohne Anaximandros' "ewige Bewegung" und periodischen Wandel der Welten: "Alles strömt, und nichts dauert" (Platon) und deshalb: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen" (Plutarchos). So sollen sich nach Meinung von Heraklit auch die Grundelemente Feuer, Erde, Luft und Wasser permanent durch "Wandlungen" ineinander verwandeln. "Das eine wird durch Verwandlung das andere, und in neuem Wechsel wird dieses wieder zu jenem" (Plutarchos).

 

In Weiterentwicklung von Anaximandros Vorstellung der Entstehung der Dinge durch "Aussonderung der gegensätzlichen Stoffe mittels der ewigen Bewegung" (Simplikios über Anaximandros), wurden bei Heraklit nun die Gegensätzlichkeiten der Dinge selbst zur Ursache der Bewegung.

 

Andererseits war die "Einheit" für ihn nicht mehr nur - wie bei Thales - im gemeinsamen natürlichen Ursprung allen Seins: "Das All ist Alles in Einem" (Pseudo-Aristoteles de mundo), sondern auch in den einzelnen Dingen selbst zu finden: "Beides ... ist immer in uns: Lebendiges und Totes, das Wache und das Schlafende, und Junges und Altes" (Plutarchos) oder „der Weg aufwärts und der Weg abwärts ist ein und derselbe" (Hippolytos) und auf den Punkt gebracht: „beim Kreisumfang fallen Anfang und Ende auf einen gemeinsamen Punkt" (Prophyrios).

Er nennt das "gegenstrebige Vereinigung" (Hippolytos): "Das Gegensätzliche strebt zur Vereinigung, aus dem Unterschiedlichen (- z.B. Bogen und Leier -) entsteht die schönste Harmonie und der Kampf lässt alles so entstehen" (Aristoteles).

 

Und damit wird aus Einheit und Gegensatz das Heraklitsche Feuerwerk der Dialektik: "aus allem wird Eines und aus Einem Alles" (Pseudo-Aristoteles de mundo), "jeder lebt des einen Tod und stirbt des anderen Leben" (Hippolytos), "was du begehrst, nur auf Kosten des Lebens wird es erkauft", "Wir steigen in dieselben Fluten und tun es doch wieder nicht; denn wir sind und sind nicht" (Original-Fragment).

 

Der Arztdenker und Pytagoreer Alkmaion aus Süditalien und Herakleitos unterscheiden zum ersten Mal zwischen "sinnlicher Wahrnehmung" und der "erkennenden Vernunft" (Sextos).

Über die Wichtigkeit der Sinne und deren Verhältnis zur Realität sagt Herakleitos: "Würden alle Dinge zu Rauch, könnte man sie mit der Nase unterscheiden" (Aristoteles). Trotzdem gewichtet er die Sinne unterschiedlich: "Die Augen sind verlässlichere Zeugen als die Ohren" (Polybios).

Während die Wahrnehmung aber unzuverlässig sei - vor allem für Menschen mit "Barbarenseelen" -, ist für Herakleitos die Vernunft der "Prüfstein der Wahrheit" (alles Sextos): "Das Denken ist grösster Vorzug und höchste Weisheit, die Wahrheit zu sagen" (Stobaios)

 

★ Bedeutung in der Geschichte der Philosophie

Wie für Herakleitos der Kampf der Vater aller Dinge ist, kann für die Philosophie Herakleitos als Vater der Dialektik bezeichnet werden. Nie wurden die dialektischen Prinzipien der Gegensätzlichkeit, des Widerspruchs und Kampfes, der Einheit und Harmonie, der Veränderung und Vergänglichkeit in solch tiefgründiger Art beschrieben, wie dies Herakleitos tat.

 

Viele Gedanken Herakleitos’ basieren auf den Aussagen seiner Vorgänger. Das Prinzip von Einheit und Gegensatz geht zurück auf Perekydes, das der ewigen Bewegung auf Anaximandros, das der Veränderbarkeit alles Einzelnen einerseits und die Unveränderlichkeit des Weltgesetzes andererseits auf Thales’ Urgrund, welcher „seiner Substanz nach erhalten bleibt, in seinen Zuständen aber sich wandelt“ (Aristoteles über Thales). So sagt Herakleitos: „Diese Weltordnung, die dieselbe ist in allen Dingen, hat weder der Götter noch der Menschen einer geschaffen, sondern sie war immer und ist und wird immer sein." (Clemens Alexandrinus)

 

Während beim Schüler von Thales, Anaximandros, die Dinge durch Aussonderung der gegensätzlichen Stoffe mittels der ewigen Bewegung entstehen, wurden bei Heraklit nun die Gegensätzlichkeiten der Dinge selbst zum Antrieb, zur Ursache der Bewegung und Veränderung.

 

Auch der Pythagoreer Alkmaion sprach davon, "dass sich die Vielheit menschlicher Dinge auf Paarheiten zurückführen lassen" (Aristoteles) und unterschied als Arztdenker zwischen sinnlicher Wahrnehmung und erkennender Vernunft. Unklar ist, wer diese Thesen zuerst aufstellte: "Entweder hat er von ihnen (den Pythagoreern) oder jene haben von ihm diese Lehrmeinung übernommen" (Aristoteles).

 

Auch erkenntnistheoretisch bringt Heraklit die Menscheit weiter. Zum ersten Mal denkt ein Philosoph über das Denken selbst nach. Heraklit stellt sich gegen den Subjektivismus ("verhalten sich die meisten so, als ob sie eine eigene Welteinsicht besässen" (Sextos Empeirikos)), indem er ein allen Lebewesen "gemeinsames Weltgesetz" (Sextos) postuliert und dass man Wahrheit finden könne, indem man dem Gemeinsamen Folge leiste: "Wer der Vernunft gemäss reden will, muss sich auf das allen Gemeinsame stützen" (Stobaios), denn "was gemeinsam allen einleuchte, sei überzeugend" (Sextos).

Revolutionär ist auch dass er postuliert, dass man nicht auf ihn, sondern "auf den Logos" hören  solle: "Wenn ihr nicht auf mich, sondern den Logos (das Weltgesetz, die Vernunft) hört, werden wir gemeinsam zu der lichten Weisheit gelangen" (Hippolytos).

 

★ Kritik

 

Obwohl Herakleitos als Schöpfer der Dialektik zu den wirklich grossen Philosophen gehört, ist er doch ein gutes Beispiel dafür, wie das Verharren in mystischen Vorstellungen, grosse Erkenntnisse in ihr Gegenteil zu verdrehen vermögen.

 

So fällt Herakleitos nicht nur mit seinem Urelement, dem "ewig wesenden Feuer" wie Anaximenes hinter den abstrakten Urgrund des Anaximandros zurück, sondern bezeichnet dieses auch noch als "vernunftbegabt" und als "Ursache der Lenkung des Alls" (alles Hippolytos).

 

Obwohl er - wie Thales - die Natur aus sich selbst zu erklären versucht "Alles geschieht gemäss dem Weltgesetz" und er beansprucht, "jedes nach seiner Natur" zu erklären (beides Sextos), hängt Herakleitos doch noch dem vorphilosophischen Götterglauben an: "Alle menschlichen Gesetze nähren sich aus dem einen göttlichen; denn dieses hat Macht, sowie es nur will, und tut allem Genüge und ist allem überlegen" (Stobius). Sein Vergleich, "der allerweiseste Mensch erscheint gegen Gott verglichen als Affe an Weisheit" (Platon) und seine Verknüpfung der Menschenvernunft mit der göttlichen: "alle menschlichen Gesetze ziehen Nahrung aus dem einen göttlichen" gipfelt dann aber in einer Überhöhung und endet in der verheerenden idealistischen Aberkennung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit selbst: "Menschliches Wesen besitzt keine wahre Erkenntnis, dem göttlichen Wesen aber ist sie zu eigen" (Originaltext).

 

Ich aber sage, es braucht keine Verknüpfung "unserer Menschenvernunft mit der göttlichen, die das Weltgeschehen lenkt und ordnet" (Chalcid), denn eine solche Vernunft existiert nicht als etwas Unabhängiges, sondern wo wir hinsehen sind dem Sein Natur- und andere Gesetze eigen, welche der Mensch Schritt für Schritt erkennen und nutzen kann. Dies postuliert ja anderenorts auch derselbe Philosoph: "Alle Menschen haben Anteil an der Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und vernunftmässig zu denken" (Stobaios) und "Hunde pflegen anzubellen, was sie nicht kennen" (Plutarchos).

 

Mit der Annahme einer göttlichen Vernunft entmündigt Herakleitos auch den Menschen: "eines nur ist weise: Einsicht haben in den Geist, der alles durch alles zu lenken versteht" (Diogenes) und "dem Willen des Einen zu folgen" (Clemens Alexandrinus). Und wer dies - wie die "Nachtschwärmer und Magier" nicht tut, "droht er mit Strafen nach dem Tode, kündet Ihnen das Feuer an“. "Dike aber wird die Lügenschmiede und deren Zeugen zu fassen wissen" (alles Clemens Alexandrinus).

 

Aber ich sage, auch wenn Herakleitos vielleicht darin recht hat, dass man nicht "Dichter und Sagenerzähler als Zeugen zitieren" (Polybios) soll, ist die Drohung mit der jenseitigen Vergeltung selbst eine Instrumentalisierung des Glaubens und damit ein Gefangenbleiben Herakleitos in den Mysterien. Dies zeigt auch sein Glaube an die "Auferstehung des sichtbaren irdischen Fleisches" (Hippolytes), einer Theorie, welcher sich 600 (?) Jahre später auch die christlichen Apostel bedienen.

 

Leider führt ihn seine geniale Einsicht in die Dialektik des Seins auch zu einer Verherrlichung des Streits, zur menschenverachtenden Aussage, dass die "Seelen die im Kriege gefallen sind, sind reiner als jene, die Krankheiten erlegen sind" (Epicted). Auch aberkennt er aufgrund der gegenstrebigen Vereinigung die Berechtigung auf die Unterscheidung von Recht und Unrecht: "Gott ist alles schön und gut und recht, nur die Menschen halten das eine für unrecht, das andere für recht" (Porphyrios).

 

Ich aber sage: Widerspruch und Kampf muss in der menschlichen Gesellschaft nicht in der Vernichtung des Anderen enden, sondern soll als Ansporn verstanden werden, mit Gegensätzlichem zu leben, sich mit ihm auf zivilisierte Art auseinanderzusetzen und den Wert der Verschiedenartigkeit -des Pluralismus - zu verteidigen.

Wer andererseits dem Menschen das Recht abstreitet, Unrechtes zu benennen, unterstützt damit genau die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft.

 

Auch in der Kosmologie brachte Heraklit keinen Fortschritt gegenüber Anaximenes. Sonnenfinsternis und Gestaltsveränderung des Mondes erklärt er dadurch, dass "Nachen, die ihre Hohlseite uns zukehren", "sich mählich nach oben drehen". Für andere kosmische Erscheinungen wie Tag und Nacht oder Jahreszeiten (Diogenes) - aber auch die Seele (Stobaios) hatte er keine anderer Erklärung als dass sie das Resultat "verschiedener Ausdünstungen" (Diogenes) seien, was uns an Anaximenes' Theorie der Verdichtung und Verdünnung erinnert.

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 Parmenides (Elea)

 

★ Zeit, historische, gesellschaftliche und private Situation

Parmenides wurde um ca. 515 vuZ in Süditalien in der griechischen Siedlung Elea geboren, wohin 25 Jahre früher der Philosoph Xenofanes vor den in Kleinasien anrückenden Persern geflohen war. Parmenides stammte aus einer vornehmen Familie und war in Elea als Gesetzgeber tätig.

Mit Xenofanes verband ihn die poetische Ausdrucksform, schrieb er doch abstrakteste philosophische Abhandlungen nicht in Prosa-, sondern in der Versform Homers.

Der erste Teil seines Buches „Über die Natur“, das um 480 vuZ entstand, ist uns fast vollständig erhalten.

 

★ Allgemein zu seinem Wirken, Beziehung zu anderen Philosophen

Wie Anaximandros geht auch Parmenides in seiner Erklärung der Wirklichkeit über die Ideen von Thales hinaus. Während bei Thales alle Dinge noch aus einem unveränderlichen stofflichen Urgrund, Urelement (Wasser) entstehen, spricht Parmenides nur noch von ‚dem Sein’: „Eines nur gilt: Das Seiende ist; unmöglich ist Nichtsein“ (Sextos Empeirikos). Zu den Eigenschaften dieses „Seins“ zählt er, dass es unteilbar, gleichmässig, in sich selbst ruhend, unbewegt, ohne Anfang und Ende ist, kurz: „Es ist oder nicht ist es“ (Simplikios). In dieser Interpretation schwingt nicht nur die ‚Einheit aller Dinge‘ von Thales mit, sondern vor allem jene des 2. philosophischen Urvaters Anaximandros, der den Urgrund im ‚grenzenlos Unbestimmbaren‘ sah und der die ‚Ganzheit der Natursubstanz‘ im Widerspruch zur Entstehung des Seins aus dem Nichts sah.

So argumentierte auch Parmenides, dass, wenn es das Nichtseiende „nicht geben kann“, es auf der Hand liege, dass das Seiende auch nicht aus dem Nichtseienden habe entspringen können: „Denn was trieb das Sein dazu an, als Sein dem Nichts zu entwachsen?“ (beides Simplikios)

Grossartig gesteht Parmenides: „Damit endet mein zuverlässiges Reden und Denken“ (Simplikios). Durch diesen Nebensatz beweist Parmenides auch seine Ansätze zu einer aufgeklärten nicht-ideelistischen Erkenntnistheorie. Er stellt die Beschränktheit menschlichen Denkens und Wissens fest, attestiert dem Menschen aber auch Erkenntnisfähigkeit (was ja Xenofanes und sogar Alkmaion bezweifelten): „Eins ist Denken (Erkennen) mit dem Ziel des Gedankens (dem Gegenstand)“, aber eben nur innerhalb des Seins: „ohne das Seiende nämlich findest du das Denken nicht“ und „erkennen, was nicht ist, das ist unmöglich“ (alle 3 Simplikios). Dabei knüpft er an Alkmaion an und unterscheidet zwischen „beobachtendem Geist“ (Scholia Basilii) und Gedanken, wobei jedoch „der Gedanke“ (die Reflexion über das Beobachtete) „mehr wiege“ (Aristoteles): „Mit der Denkkraft alleine entscheide“(Simplikios).

 

★ Bedeutung in der Geschichte der Philosophie

 Die Achtung, welche Parmenides bei den anderen antiken Denkern erfuhr, zeigte sich daran, dass er von diesen ‚Parmenides der Grosse“ genannt wurde. Mir ist unklar, welche Texte dazumal Platon und Aristoteles vorlagen; nach den uns heute bekannten Ausschnitten muss man jedoch sagen, dass Parmenides‘ philosophische Originalität nicht besonders gross war und er nur - auf andere Weise - Anaximandros Ideen wiederholte.

Seine grösste Leistung bestand eigentlich in der Erkenntnistheorie, dass er das Wissen als etwas Beschränktes anerkannte, dem Menschen trotzdem attestierte, in seiner Erkenntnis ein korrektes Abbild der Wirklichkeit machen zu können, womit er sich von Xenofanes und auch Alkmaion distanzierte.

 

★ Kritik

 Wie viele Religionsstifter verleiht Parmenides seinen Ideen einen besonderen Glanz und Unfehlbarkeit, indem er sie als göttliche Offenbarung präsentierte: Gezogen von einem Rossgespann, bei dessen Ansehen „die Mädchen … den Schleier entfernten“, gelang er zum Haus der Göttin, welche ihn in die „wohlgerundete Wahrheit“ über „das Sein“ einweihte (alles Sextos Empeirikos). Gerade solches, sich auf „Göttliches“ Berufendes hat der Menschheit schon viel Ungemach beschert, beanspruchte es doch, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein und Kritiker mundtot machen zu dürfen.

Ich aber sage, Parmenides Theorie des Seins war nicht göttlichen Ursprungs, sondern Resultat seines und anderer geistigen Wirkens.

 

Ein Widerspruch seiner Konzeption kann hier aber nicht unerwähnt bleiben: Während Parmenides‘ Sein doch unteilbar ist, also „ohne Anfang und Ende“, „an Seiendes allseits nur Seiendes stösst“, er andererseits eine Schranke „einer wohlgerundeten Kugel vergleichbar“ postuliert, die „das Seiende rings einschliesst“ (alles Simplikios). Dies erinnert mich an heutige Vorstellungen eines Multiversums.

 

Nicht einig gehe ich mit Interpretationen, welche Parmenides unterstellen, er „leugne jedes Werden, jede Veränderung in dieser sichtbaren Welt, die Bewegung, die Vielheit“, denn Parmenides spricht ja nur von den Grundlagen des Seins und nicht von dessen Ausformung in der Wirklichkeit. Und hier liegen vielleicht die 2 Hauptprobleme Parmenides‘; durch die Beschränkung auf die Grundfrage von Sein und Nichtsein und seine Aussage: : „Mit der Denkkraft alleine entscheide“ (siehe oben) ebnete er den Boden für seine Nachfolger wie z.B. Zenon, der - fern von jeder empirischen Erkenntnis - mit reiner Denkkraft beweisen wollte, dass es in der Wirklickeit gar keine Bewegung gäbe.

 

Zenon und Melissos

 ★ Zeit, historische, gesellschaftliche und private Situation

Zenon, gegen 490 vuZ in Elea geboren, war der Schüler und Adoptivsohn von Parmenides. Seine mathematischen Kenntnisse mag er von den damals in Süditalien domizilierten Pythagoreern erworben haben. Seine dialektische Schlagfähigkeit war schon dazumal legendär; so bemerkte Platon: „dass Zeon mit solcher Kunstfertgkeit zu reden verstand, dass seinen Zuhörern ein und dasselbe gleich und zugleich ungleich vorkam, das Eine sich ihnen ins Viele und das Verharrende ins Bewegte zu verkehren schien.“

Melissos aus Samos, bekannt aus dem Krieg zwischen Samos und Athen, war wie Zeon ein Schüler Parmenides‘, der die Seins-Idee seines Lehrers weiterverbreitete.

★ Allgemein zu seinem Wirken, Beziehung zu anderen Philosophen

Hauptintension Zeons war es, Parmenides‘ Grundidee vom „Einen, einzigen Sein“ realitätstauglich zu machen, d.h. die Wirklichkeit mit dieser Seinswelt in Übereinstimmung zu bringen: „Meine Schrift ist wahrhaftig eine Hilfeleistung für die Lehre des Parmenides“ (Platon).

So konstruierte er Beweise, die zeigen sollten, „dass es unmöglich ist, dass das Seiende eine Vielheit ist“ (Simplikios) und die Dinge gar nicht in Bewegung sind, „dass Bewegung nicht stattfindet“ (Aristoteles) und damit die Annahme eines einheitlichen unbewegten Seins gerechtfertigt sei, dass „allein die Einheit ewig während und unbegrenzt sei“ (Aëtios).

Die Unbegrenztheit des Seins beweist Zeon in 2 Richtungen: 1. In ihre unbegrenzte Ausdehnung und 2. in ihre unbegrenzte Aufteilung:

„Denn niemals wird irgendein Seinsteil der Äusserste, der letzte des Ganzen, sein. Wenn es eine Vielheit der Dinge existiert, dann muss sie gross sein bis zur Unendlichkeit“ (Simplikios). Andererseits, „zwischen den Seinsdingen befinden sich immer noch andere und zwischen jenen wieder andere. Somit ist wegen der ewig fortführbaren Aufteilung das Seiende unbegrenzt“ (Simplikios).

Dass Bewegung nicht stattfindet, beweist Zeon wie folgt: „Das Bewegte besitzt weder Bewegung an dem Ort, an dem es sich gerade befindet, noch bewegt es sich an dem Ort, wo es sich nicht befindet“ (Diogenes).

1. Beweis: Man kann das Stadion nicht durcheilen, denn will man an dessen Ende gelangen, muss zuerst „das Bewegte zur Hälfte des Weges gelangt sein“ (Aristoteles) und dasselbe gilt für dessen Hälfte und dies immerfort.

2. Beweis: Das langsamste Wesen im Laufe kann niemals von dem schnellsten (Achilles) eingeholt werden. „Der verfolgende Teile muss immer  erst zu dem Punkte gelangen, von dem der fliehende schon aufgebrochen ist. Das langsamere muss also immer einen gewissen Vorsprung haben“ (Aristoteles).                   

3. Beweis: Der fliegende Pfeil ruht.

Der Pfeil befindet sich in jedem Augenblick nur an einem Orte, nie an zweien. So ist er in jedem Augenblick ruhend, also auch in der Summe der Augenblicke, d.h. während der Zeit, in der der Pfeil fliegt.

Die Schwierigkeit, unsere Erfahrung mit Parmenides Grundidee in Übereinstimmung zu bringen, formuliert Parmenides‘ Schüler Melissos so: „Es gibt sich, dass wir das Seiende weder sehen noch erkennen können“ (Simplikios).

 

★ Bedeutung in der Geschichte der Philosophie

Bei den Beweisen für Parmenides‘ Seins-Idee entwickelte Zeon einen wenig übertroffenen Scharfsinn und beflügelte – eigentlich als Nebenprodukt – sowohl die Dialektjk als auch die Mathematik. Das ist sein wirklicher Verdienst in der Geschichte der Philosophie und Erkenntnistheorie.

Bei seinen Betrachtungen postuliert er nicht nur ein unendliches Sein gegen innen und aussen, sondern verknüpft diese auch noch dialektisch: „Wenn eine Vielheit der Dinge existiert, dann muss sie notwendigerweise zugleich klein und gross sein“ (Simplikios).

 

★ Kritik

 So klar Zeons Beweisführung ist, so widersprüchlich ist ihre Grundlage. Einerseits streitet er die Vielheit im Sein ab, andererseits postuliert er eine Vielheit, um die Unendlichkeit des Seins zu beweisen.

Auch die unendliche Aufteilung des Seins, stösst offensichtlich an eine Grenze. Einerseits postuliert er: „zwischen den Seinsdingen befinden sich immer noch andere und zwischen jenen wieder andere. Somit ist wegen der ewig fortführbaren Aufteilung das Seiende unbegrenzt“ (Simplikios), andererseits muss dieses Seiende in seiner Kleinheit aber doch ein Kleinstmass haben, denn „wenn etwas weder Grösse noch Dicke noch Masse besitze, es überhaupt nicht sein könne“ (Simplikios). Da erinnert mich ein wenig an die heutige QuantenTheorie.

Die Paradoxon Zeons scheinen auf den ersten Blick tatsächlich unlösbar. Doch die Mathematik zeigt uns des Rätsels Lösung: Wird eine Strecke mit dem Mass 1 immer wieder geteilt (stellen sie sich ein Quadrat vor, dessen Fläche immer wieder halbiert wird), dann dehnt sich die Summe dieser Teilstrecken (Teilflächen) niemals aus, sondern bleibt - auch bei unendlicher Teilung  - immer 1.

Das gilt nicht nur für die Durchquerung des Stadions, sondern vor allem auch für den Achilles-Beweis: nehmen wir an, Achilles rennt doppelt so schnell wie die Schildkröte, dann hat die Schildkröte den ½ Weg zurückgelegt, wenn Achilles den Anfangspunkt der Schildkröte erreicht. Beim nächsten Punkt ist es noch ¼, wenn Achilles ½ zurückgelegt hat, das nächste mal 1/8, dann 1/16 etc. Die Summe all dieser Strecken der Schildkröte (½+1/4+1/8+1/16+…) ist aber genau 1,0. Somit erreicht Achilles die Schildkröte bei 2,0, wenn er 2 und die Schildkröte 1 Streckeneinheit/en zurückgelegt hat. In diesem Punkt hat sie eben keinen Vorsprung mehr – wie Zeon postuliert -, sondern der Vorsprung ist 0,0.

Der 2. Schüler Parmenides‘ Melissos zeigt schlussendlich, dass alle Versuche, Parmenides‘ abstrakte Seinssicht (die sich ja eigentlich nur auf die Frage von Sein und Nichts beschränkt) mit der uns vertrauten Welt zu verbinden, scheitern: „Wenn das Seiende geteilt ist, bewegt es sich. Wenn es sich aber bewegt, kann es nicht mehr sein“ (Simplikios).

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